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10.01.2012: Brief an Regionalbischöfin Breit-Keßler

Sehr geehrte Frau Regionalbischöfin Breit-Keßler,

zunächst einmal möchten wir Ihnen ein gesegnetes und gutes neues Jahr wünschen. Nach den anstrengenden, aber auch bereichernden Weihnachtstagen ist es nun wieder an der Zeit, die Tagesordnung aufzunehmen und so nehmen auch wir von der Initiative Transparentes Verfahren unser Engagement wieder auf, um unser Anliegen voranzutreiben.

Sicher haben Sie schon in der Presse von uns erfahren – wir setzen uns im Rahmen des laufenden Nichtgedeihlichkeitsverfahrens um Andrea Borger für einen Verbleib unserer Pfarrerin und Dekanin im Amt ein. Wir halten das Verfahren für fragwürdig, es ist einseitig und unfair, unter anderem weil es Frau Borger an den Pranger stellt, die anklagenden Parteien aber – aufgrund ihrer Schweigepflicht – schützt. Gleichzeitig richten die Kläger. Rechtsstaatlichen Prinzipien kann das Nichtgedeihlichkeitsverfahren der evangelischen Kirche keinesfalls genügen.

Deshalb wollen wir über unsere Website www.transparentesverfahren.de und Pressearbeit Öffentlichkeit herstellen, die Debatte anregen und uns dafür stark machen, dass der Konflikt auf zeitgemäße Weise sachorientiert und in offener Kommunikation gelöst wird, die Suspendierung aufgehoben und das Verfahren eingestellt wird. Damit wollen wir auch das rechtliche Konstrukt des Nichtgedeihlichkeitsverfahrens selbst in Frage stellen.

In diesem Zusammenhang bitten wir Sie – da Sie maßgeblich zur Einleitung des Verfahrens beigetragen haben und dafür verantwortlich zeichnen – um eine Stellungnahme! Das Nichtgedeihlichkeitsverfahren will ein faires Verfahren sein, um festzustellen, ob das Arbeitsverhältnis zwischen einem Leitungs- und einem ausführenden Organ in der evangelischen Kirche zerrüttet ist, in diesem Fall zwischen der Dekanin Andrea Borger und Mitgliedern des Pfarrkapitels. Die Konflikte haben sich ja auch auf den Prodekanatsausschuss ausgewirkt. Fair scheint uns die Sache aber nicht; wir haben im Gegenteil den Eindruck, Frau Borger sieht sich einem Mobbingprozess ausgesetzt. Wer in der evangelischen Kirche jemanden loswerden will, muss nur lange genug Streit anfachen und kann dies schließlich der unliebsamen Person als Nichtgedeihlichkeit anlasten.

1)        Können Sie die Vorwürfe an Frau Borger bitte konkretisieren! Nur nachweisbare, schwere Leitungsfehler der Dekanin dürfen zu ihrer Amtsenthebung führen. Es kann nicht sein, dass Frau Borger einseitig an den Pranger gestellt wird, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu verteidigen und sich gleichzeitig alle anderen, anklagenden Parteien, hinter der Schweigepflicht verstecken. Wer hat welche Vorwürfe an Frau Borger?

2)        Warum ist Andrea Borger von ihren Aufgaben als Dekanin suspendiert, obwohl das Verfahren, sprich die Sondierungsgespräche mit allen Betroffenen, noch gar nicht angelaufen ist? Die Suspendierung von Andrea Borger von ihrem Leitungsamt für die Dauer des Verfahrens muss zurückgenommen werden, denn sie kommt einer Vorwegnahme des Urteils gleich. Sie ist rechtlich ohnehin nicht zwingend notwendig.

3)        Wie zeitgemäß ist das Nichtgedeihlichkeitsverfahren noch? Seit Jahren üben Mitglieder und Angestellte der evangelischen Kirche sowie Betroffene Kritik an dem rechtlichen Konstrukt des Nichtgedeihlichkeitsverfahrens, das rechtsstaatlichen Maßstäben nicht genügen kann – zumal in der Kirche vielerlei Möglichkeiten des Ausgleichs, der Mediation und Supervision zur Verfügung stehen, die nicht öffentlich ausgetragen werden müssen. Wir fordern eine Abschaffung des Zerrüttungsprinzips, das dem Verfahren zu Grunde liegt, mithin eine Modifikation des Verfahrens insgesamt.

Wir möchten Sie darum bitten, sich zu den genannten Punkten zu äußern! Sie sind für die Einleitung des Verfahrens mit verantwortlich, tragen es mit und sind als Regionalbischöfin erste Ansprechpartnerin der Gemeinde Himmelfahrtskirche in Sendling. Wir werden Sie als Verantwortliche auch benennen! Wir planen weitere Presseaktionen zum Thema, weil wir das Nichtgedeihlichkeitsverfahren um Andrea Borger in der Öffentlichkeit kritisch begleiten wollen. Gerne stehen wir aber auch für ein persönliches Gespräch zur Verfügung; den Austausch suchen wir.

Unterstützen Sie uns in der Sache. Wir alle haben Frau Borger immer als sehr engagierte, offene Pfarrerin und hervorragende Predigerin kennen gelernt, die das Evangelium unmittelbar in unser heutiges Leben überträgt, mal indem sie aufrüttelt, mal indem sie tröstet und Mut macht. Besonders durch ihr Wirken ist in der Himmelfahrtskirche eine sehr lebendige Ü25-Gruppe entstanden und auch eher kirchenferne Menschen fühlen sich durch ihre Gottesdienste angesprochen. Wir fänden es schlicht furchtbar, wenn die Himmelfahrtskirche durch dieses Nichtgedeihlichkeitsverfahren eine so engagierte und überzeugende Pfarrerin verlieren würde, von der sich so viele Menschen berühren lassen. Die Kirche bräuchte mehr Andrea Borgers, nicht weniger. Handeln Sie!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Conrad Breyer

Sprecher der Initiative Transparentes Verfahren


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