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15.10.2012: Nichtgedeihlichkeitsverfahren: Sendlinger Dekanin gibt auf!

Der Kirchenvorstand der Sendlinger Himmelfahrtsgemeinde wählt Andrea Borger. Die Pfarrerin hatte sich auf eine frei gewordene Stelle beworben, verzichtet damit auf ihr Amt als Dekanin und weitere Rechtsmittel im Verfahren, das mit dem Stellenwechsel beendet ist. Die Initiative Transparentes Verfahren kritisiert: Zwar sei die Lösung für die Gemeinde begrüßenswert, der zugrunde liegende Konflikt bleibe aber weiter im Dunklen.

Das Ergebnis mag alle Seiten befrieden. Die Himmelfahrtsgemeinde in Sendling behält ihre hoch geschätzte Pfarrerin, die Landeskirche Bayern hat ein unpopuläres Verfahren vom Hals und alle haben wieder ihre Ruhe. Dekanin Andrea Borger, gegen die seit Mitte November ein so genanntes Nichtgedeihlichkeitsverfahren läuft, nimmt eine andere, in ihrer Gemeinde frei gewordene Pfarrstelle an. Das laufende Verfahren wird damit ohne Ergebnis eingestellt. Borger hatte bislang eine halbe Stelle als Dekanin im Prodekanat München-Süd sowie eine halbe Stelle als geschäftsführende Pfarrerin in der Sendlinger Himmelfahrtsgemeinde inne. Auf den Dekansposten verzichtet sie nun; im Juni hatte sie sich auf die freie Stelle beworben.

„Für mich waren persönliche Gründe ausschlaggebend, mich auf die zweite Pfarrstelle in der Gemeinde zu bewerben“, sagt die Betroffene. „Über die vielen Monate hat mich die Länge des Verfahrens doch sehr ausgelaugt, ja zermürbt. Es ist nicht einfach, diesem Druck standzuhalten. Außerdem war mir stets daran gelegen, die Gemeinde aus den Konflikten herauszuhalten, damit hier jeder unbelastet arbeiten und seinen Glauben frei leben kann. Je länger das Verfahren dauerte, desto schwieriger wurde das. Für Himmelfahrt ist diese Lösung sicher besser als weitere Monate der Unsicherheit. Ich habe sehr gerne als Dekanin gearbeitet und bin jetzt traurig darüber, dass ich dieses Amt unter solchen Umständen aufgeben muss."

Das Nichtgedeihlichkeitsverfahren selbst verläuft damit nach knapp einem Jahr im Sande. Die Hintergründe des Konflikts werden nun niemals geklärt werden, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. „So sehr wir begrüßen, dass das Verfahren eingestellt wird, hat die Sache doch einen schalen Beigeschmack“, sagt Conrad Breyer, Sprecher der Initiative Transparentes Verfahren. „Die Hintergründe, die zur Einleitung des Verfahrens geführt haben, bleiben nun völlig unaufgearbeitet. Im Grunde ist das Ganze eine Farce und zeigt wieder einmal, wie wenig das Instrument Nichtgedeihlichkeitsverfahren zur Konfliktlösung taugt.“ Über 40 oft mehrstündige Erhebungsgespräche hätten die zuständigen Kirchenjuristen im Auftrag des Landeskirchenrates durchgeführt, alle Aussagen minutiös dokumentiert und zur Stellungnahme an Andrea Borger weitergeleitet. „Für nichts und wieder nichts!“, sagt Breyer. Die Spekulationen um den Konflikt, um die Person Andrea Borger auch, gehen jetzt natürlich weiter und bleiben unkommentiert. „Was war und was wahr ist, wird nie jemand herausfinden!“

Deshalb fordert die Pro-Borger-Initiative jetzt eine Aufklärung des Sachverhalts durch eine unabhängige synodale Kommission. „Das Nichtgedeihlichkeitsverfahren gegen Andrea Borger hat nicht nur in der Himmelfahrtsgemeinde, sondern auch weiter darüber hinaus, den Ruf der Geistlichen automatisch beschädigt, auch wenn die Kirchenleitung immer betont, das mit der Einleitung des Verfahrens keine Schuldzuweisung erfolge“, sagt Karin Menzel, Mitstreiterin in der Initiative. „Frau Borger wurde vom Amt vorläufig suspendiert, sie trug die ganze Last der öffentlichen Aufmerksamkeit, durfte sich aber nicht verteidigen!“

Eine unabhängige Kommission könnte hier Klarheit schaffen und feststellen, wer im Konflikt zwischen Pfarrkonferenz auf der einen Seite und Andrea Borger auf der anderen Seite - denn darum geht es - welchen Anteil hat und welche Verantwortung auch die Kirchenleitung trägt, die diese Konflikte jahrelang begleitet hat, ohne sie zu lösen. „Das wäre für alle Seiten gerecht und gesichtswahrend“, sagt Christian Müller, wie Menzel Mitglied der Initiative Transparentes Verfahren. Müller kritisiert in diesem Zusammenhang, dass sich Prodekanatsausschuss und Pfarrkonferenz mit Unterstützung des Landeskirchenrates schon vor Abschluss der Ehebungen festgelegt hätten, in dem Konflikt keine Schuld zu tragen. Dazu gab es vor wenigen Wochen eine gemeinsame Erklärung der beiden Gremien und eine darauf fußende Pressemitteilung der Landeskirche. „Die Einseitigkeit der Untersuchungsführung wird hier mehr als deutlich“, sagt Müller. Zur Landessynode, die im Herbst in Hof stattfindet, wird die Initiative Transparentes Verfahren deshalb eine Eingabe einreichen, die die unabhängige Untersuchung dieses Verfahrens fordert.

Andrea Borger tritt ihre Stelle nach einem noch ausstehenden Beschluss des Landeskirchenrates in Kürze an. Der Kirchenvorstand hat das Besetzungsverfahren mit Rücksicht auf die Chancengleichheit der Mitbewerber wie vorgesehen durchgeführt und sich für Andrea Borger entschieden. Überraschend kommt die Entscheidung nicht: Der Kirchenvorstand hatte sich wiederholt sehr zufrieden mit seiner Pfarrerin gezeigt und sie gebeten, wenn möglich, in der Gemeinde zu bleiben. Andrea Borger verzichtet neben dem Dekansamt auch auf ihre bisherige Dienstwohnung und bekommt weniger Gehalt. Eine Projektstelle im Landeskirchenamt, die ihr die Kirchenleitung alternativ dazu angeboten hatte, hat Borger im Vorfeld ausgeschlagen. „Da hätte ich keine Gemeindearbeit mehr machen können. Und die liegt mir doch sehr am Herzen.“


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